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Verfolgung und Deportation der Mühlheimer Juden

Die Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten ist eines der dunkelsten Kapitel in der deutschen Geschichte. Ziel dieser Dokumentation ist es, das Schicksal und Leiden der 92 jüdischen Menschen aufzuzeigen, die im Jahr 1933 in Mühlheim und Dietesheim lebten. Ihre Namen sind im Text hervorgehoben.

Die Verfolgungen zwischen 1933 und 1945 sind in Form einer Zeittafel dargestellt. Markante Ereignisse, wie der Erlass der Nürnberger Rassengesetze 1935, die verschärften Verfolgungen nach der Pogromnacht 1938, die verschärften Lebensbedingungen während der Kriegsjahre sowie die physische Vernichtung der jüdischen Gemeinde in den Jahren 1941 bis 1943 werden eingehend beschrieben.

Außerdem werden allgemeine Ereignisse erwähnt, die sich im Reich, Land und in Mühlheim ereigneten sowie Beschreibungen von Erlebnissen einzelner Personen ausführlich geschildert.

Am Anfang steht jedoch ein Abriss von Ereignissen in den jüdischen Gemeinden von Mühlheim und Dietesheim bis zur sogenannten „Machtergreifung" der Nationalsozialisten.

Aufstieg der NSDAP

Die NSDAP beschreibt die Entwicklung ihrer Partei im Mühlheim bis 1932 in einer Beilage der „Offenbacher Zeitung" zum 1. April 1939 (Tag der Zusammenlegung mit Dietesheim und der Erhebung zur Stadt) so:

Es ist insbesondere das Verdienst des Parteigenossen (Pg) Jean Ott, Offenbach, des ersten Ortsgruppenleiters, unermüdlich für des Führers Idee in Mühlheim die ersten Gefolgsleute geworben zu haben…

Besonders verdient machte sich um die junge Ortsgruppe Pg. Fritz Kugler, der im Dezember 1930 der Partei beitrat und bis zu seinem allzu frühen Tod den Kassiererposten betreute…

Pg. Hermann Höhn stellte damals sein Restaurant der Partei zur Verfügung, was den automatischen Boykott seitens der roten Anhängerschaft nach sich zog…

März und April 1931 wurden die Stützpunkt Dietesheim und Rumpenheim dem Ortsgruppenverband Mühlheim unterstellt…

Im Juni 1931 zählte die Ortsgruppe 16 Parteigenossen… Im Juli 1931 fand die erste öffentliche Großkundgebung der NSDAP in Mühlheim statt (Saalbau Weber)… Im August wurde eine zweite große Kundgebung veranstaltet, die sich trotz gegnerischen Terrors wieder zu einem eindrucksvollen Erfolg der Partei gestaltete.

Mit dem Jahr 1932 trat ein Mann an die Spitze der jungen Ortsgruppe, der bis auf den heutigen Tag die Führung beibehalten und die Ortsgruppe grundlegend aufgebaut hat, der jetzige Ortsgruppenleiter und Bürgermeister Pg. Anton Winter. Er war von der Partei geschult worden und setzte nun seine ganze jugendliche Energie ein für die ständige und systematische Ausgestaltung der Ortsgruppe, die sich um die SA kristallisierte.

Der Zustrom zu des Führers Fahne war damit schon so groß geworden, daß am 07. Mai 1932 der Stützpunkt Dietesheim zu einer Ortsgruppe ausgeweitet werden konnte, die allerdings organisatorisch mit der Ortsgruppe Mühlheim verbunden blieb.

Zwischen „Machtergreifung" und Krieg

Die Veränderungen im Leben der Mühlheimer und Dietesheimer Juden geschahen anfangs langsam und vereinzelt. Die Auszehrung der jüdischen Gemeinde begann und die ersten Juden verlassen die beiden Orte.

1933

DatumEreignis
30. JanuarAdolf Hitler wird zum Reichskanzler ernannt.
Im JanuarRund 510.000 deutschen Juden gehören den israelitischen Kultusgemeinden an.
12. FebruarGerson Strauß und seine Frau Rebekka feiern das seltene Fest der Goldenen Hochzeit; in der Synagoge wurden die Gefallenen des Ersten Weltkriegs mit einer Gedenktafel geehrt.
13. MärzIn Mühlheim wird Bürgermeister Felix Trejtnar „beurlaubt". SA-Leute erklären ihm, er solle verschwinden.
22. MärzErrichtung des KZ Dachau
1. AprilBoykott jüdischer Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte
7. AprilErlass des „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums"
25. AprilArierparagraph wird bei allen Sport- und Turnvereinigungen eingeführt.
19. Mai„Gleichschaltung" der Turngesellschaft (TGV) „Vorwärts". Vereinsausschluss des langjährigen Mitglieds Herz „Hermann" Stiefel.
3. JuniVerbot zahlreicher Vereine in Mühlheim, Dietesheim und Lämmerspiel, darunter der Touristenverein „Die Naturfreunde".
12. JuniGleichschaltung des Schützenvereins, Vereinsausschluss von Idel Siwek (Mitbegründer des Vereins).
16. JuniIn Dietesheim leben 21 Juden, in Mühlheim 71 Juden und in Lämmerspiel keine.
30. JuniGleichschaltung des Gesangvereins „Eintracht", Vereinsausschluss von Albert Strauß.
7. JuliGleichschaltung des „Gesang- und Sonntagsverein", Vereinsausschluss von Leopold Isaak (Vorsteher der jüdischen Gemeinde).
25. JuliGleichschaltung des Fußballvereins „Kickers-Viktoria", Platzverbot und Vereinsausschluss für Perenz Friz und Idel Siwek sowie Aron Stiefel (Mitbegründer).
13. NovemberUmzug der Schwestern Johanna und Laura Fried nach Offenbach

1934

DatumEreignis
18. Februar„Chronik der israelitischen Religionsgemeinde Mühlheim a/Main" wird von Leopold Isaak erstellt.
24. FebruarTod von Henriette Appel, geb. Appel, im Alter von 76 Jahren
28. AprilErrichtung privater Bezirksschulen für Juden in Hessen
17. SeptemberFlucht von Julius und Meta Wolf, geb. Stark, in die USA
9. DezemberUmzug von Johanna Berg, geb. Wolf, zu ihrem Mann Ernst nach Kirn an der Nahe

1935

DatumEreignis
1. AprilUntersuchungshaft für Leopold Isaak im Gerichtsgefängnis Offenbach
14. MaiTod von Rebekka Strauß, geb. Rollmann, im Alter von 74 Jahren
3. AugustDie Dietesheimer Ortsgruppe veranstaltet einen Propagandamarsch, um die Bevölkerung dazu zu bewegen, nicht mehr bei den drei örtlichen jüdischen Metzgern einzukaufen.
15. AugustVerurteilung von Leopold Isaak zu 10 Monaten Gefängnis wegen Schächtens; Strafverbüßung in der Strafanstalt Butzbach
15. SeptemberVerkündung der „Nürnberger Gesetze" — Juden werden zu Menschen zweiter Klasse degradiert. Das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" verbietet die Eheschließung zwischen Juden und Nichtjuden.
22. SeptemberAngeblicher Selbstmordversuch von Leopold Isaak
27. SeptemberTod von Adolf Rollmann im Alter von 65 Jahren
09. DezemberVorzeitige Entlassung von Leopold Isaak aus Butzbach
23. DezemberUmzug von Mathilde Stiefel zu ihrer Schwester Gredchen „Gretel" Schröder, geb. Stiefel, nach Offenbach

1936

DatumEreignis
12. JanuarWährend eines Theaterabends des Winterhilfswerks in Dietesheim verweist ein SA-Oberscharführer vier Frauen der Familie Appel des Saals.
1. April11 jüdische Kinder aus Mühlheim besuchen die Jüdische Bezirksschule in Offenbach.
15. AprilAusschluss eines Parteigenossen aus der NSDAP wegen „parteischädigenden Verhaltens, indem er anlässlich der Veranstaltung am 12.Januar in Dietesheim Juden Einlass gewährte".

1937

Im Jahr 1937 war die Anzahl der Emigranten aus Mühlheim und Dietesheim sowie die Veränderungen in der jüdischen Gemeinde nicht mehr zu ignorieren. Die „Nürnberger Gesetze" zeigten auch vor Ort ihre Wirkung. Die Behandlung von Leopold Isaak machte sehr deutlich, was allen drohen konnte. Mit Beginn des Jahres 1937 setzte die große Fluchtwelle der Juden aus unserer Stadt ein.

DatumEreignis
25. JanuarFlucht von Nathan** und Rosa Appel, geb. Moritz, mit ihren Töchtern Heda, Hannelore und Gerda nach Johannisburg.
15. FebruarTod von Gerson Strauß im Alter von 81 Jahren.
4. MärzEndgültige Schließung der Metzgerei Ludwig Wolf und Überwachung der Metzgerei Bernhard Appel.
1. AprilFlucht von Emanuel und Paula Appel, geb. Lind, mit ihrer Tochter Martha Berta in die USA.
3. MaiUmzug von Arnold Stiefel nach Offenbach.
17. MaiFlucht von Ernst und Johanna Berg, geb. Wolf, nach Cleveland.
18. MaiFlucht von Sally und Hilda Blumenthal, geb. Stiefel, mit ihren Kindern Sieghard, Ruth und Manfred über Mailand nach New York.
28. SeptemberFlucht von Irene Strauß nach New York.

1938

DatumEreignis
1. JanuarJuden im Deutschen Reich wird das Betreiben von Einzelhandelsgeschäften und Handwerksbetrieben untersagt.
7. MärzFlucht von Mordechai Chmielnicki über die Schweiz und Mailand nach England.
15. MärzArisierung und Zwangsverkauf eines Grundstücks von Aron Stiefel.
26. AprilVerordnung über die Anmeldung jüdischen Vermögens.
1. JuniFlucht von Arnold Rollmann nach Pittsburgh. Arisierung und Zwangsverkauf eines Grundstücks von Theodor Rollmann.
5. JuliFlucht von Salomon und Ruth Rollmann, geb. Lindheimer, mit ihrem Sohn Kurt Norbert nach Milwaukee.
23. JuliFlucht von Alfred und Klara Stein, geb. Rollmann, nach Milwaukee.
17. AugustVerordnung: Zusätzliche Vornamen „Sara" oder „Israel" ab 01. Januar 1939
19. SeptemberTod von Sara Rollmann, geb. Flörsheim, im Alter von 71 Jahren.
26. SeptemberFlucht von Leo Rollmann in die USA.
5. OktoberKennzeichnung der jüdischen Reisepässe durch ein großes rotes "J".
7. OktoberFlucht der Geschwister Siegfried und Edith Stern nach New York.
24. OktoberFlucht von Justus und Erna Rollmann, geb. Kraft, nach Pittsburgh sowie deren Mutter Johanna Rollmann, geb. Strauß, nach London.
27. OktoberFlucht von Arnold Isaak in die USA.
Stamping Jewish Passports

Arnold Isaak zeigt 2018 in einem Video der USC Shoah Foundation den Kinderausweis mit aufgestempelten "J", mit dem er in die USA reisen konnte.

Reichspogromnacht

So waren bis Anfang November 1938 einundfünfzig Juden aus Mühlheim und Dietesheim aus dem Alltagsleben „verschwunden".

Am Mittwoch, dem 9. November 1938, ereignete sich ein weiterer Wendepunkt in der „Judenpolitik" der Nationalsozialisten: der zynisch und verharmlosend als „Reichskristallnacht" bezeichnete Pogrom.

Auslöser dafür war das Attentat des siebzehnjährigen Herschel Grynszpan in Paris am 7. November. Seine Motivation: Herschel Grynszpans Eltern gehörten zu den Ende Oktober ausgewiesenen polnischen Juden. Joseph Goebbels nutzte die Gunst der Stunde und löste durch eine Rede am 9. November im Alten Rathaussaal in München den reichsweiten Pogrom aus.

In Mühlheim wurde in der Synagoge in der „Spinatgasse" Feuer gelegt. Zeugenaussagen zufolge waren an der Zerstörung der Synagoge vier Nazis beteiligt. Sie schlugen die Tür mit einer Axt ein, steckten die Eichenholzbänke mit benzingetränkten Kleidungsstücken in Brand und rissen Löcher ins Dach. Das Textil- und Herrenkonfektionsgeschäft von Sally Stern und die Wohnungen der Mühlheimer Juden wurden gestürmt und geplündert.

Der Kreisleiter besuchte nach dem Brand die Synagoge und schlug mit einem Hammer die Gedenktafel für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Juden in Stücke.

Leopold Isaak konnte mit einem Kinderwagen die zwei Thora-Rollen aus dem Schrein retten, bevor die Randalierer eintrafen und vergrub sie im Keller seines Hauses.

DatumEreignis
9. NovemberReichspogromnachtIdel Siwek (Buchenwald-Häftlings-Nr. 25834) wird durch den Ortspolizeimeister nach Buchenwald gebracht.
10. NovemberVerwüstung und Brandstiftung in der Synagoge in Mühlheim; Plünderung des Textilgeschäfts von Sally Stern; Verschleppung von Leopold Isaak, Perenz Friz, Hermann Stern, Ludwig und Joseph Wolf sowie Bernhard, Moritz und Max Appel ins KZ Buchenwald.
21. NovemberFlucht von Theodor Rollmann in die USA.
23. NovemberEntlassung von Hermann Stern aus dem KZ Buchenwald.
05. DezemberEntlassung von Ludwig Wolf aus dem KZ Buchenwald.
15. DezemberFlucht von Selma Engländer, geb. Stiefel, nach Los Angeles.
16. DezemberEntlassung von Joseph Wolf aus dem KZ Buchenwald.
Ende DezemberVerkauf des Textilgeschäfts von Sally Stern.

Die Verbrechen vom November 1938 waren wichtige Schritte auf dem Weg zur Shoa. Die Erfahrung der Nazi-Machthaber, dass Massenproteste seitens der deutschen Bevölkerung ausblieben, ging in die Planung und Durchführung ihrer späteren Taten ein.

1939

DatumEreignis
Anfang 1939Flucht von Leopold und Jettchen Appel, geb. Salomon, in die USA.
18. JanuarFlucht von Norbert Stiefel nach Rhodesien.
19. JanuarVerkauf der geschändeten Synagoge durch Leopold Isaak, Moritz Lehmann und Chaim Tyson aus Offenbach an die Eheleute Johann Haus.
28. JanuarEntlassung von Idel Siwek aus dem KZ Buchenwald.
30. JanuarEntlassung von Bernhard und Moritz Appel sowie Perenz Friz aus dem KZ Buchenwald.
13. FebruarEntlassung von Leopold Isaak aus dem KZ Buchenwald.
14. FebruarFlucht von Ludwig Wolf nach Cleveland.
23. FebruarFlucht von Hermann Stern mit seiner Nichte Erna nach Baldock/England sowie von Hermann und Magdalene Lind, geb. Stiefel, mit ihren Kindern nach New York.
1. AprilDie Gemeinden Mühlheim und Dietesheim werden zusammengeschlossen und als "Mühlheim am Main" zur Stadt erhoben. Die Feierlichkeiten finden unter Ausschluss der jüdischen Bevölkerung statt. Die jüdischen Männer leisten Zwangsarbeit für die Gemeinde. Idel Siwek wird ein zweites Mal festgenommen.
12. JuniUmzug von Sally und Thekla Stern, geb. Marum, mit ihrem Sohn Helmut nach Frankfurt am Main.
11. JuliTod von Therese Isaak, geb. Adler, im Alter von 86 Jahren.
29. DezemberFlucht von Melitta Isaak, geb. Strauß, mit ihren vier Söhnen Liebmann, Lothar Ludwig, Herbert und Josef nach Buenos Aires.

Verschärfte Lebensbedingungen

1940

DatumEreignis
1. JanuarWolf Wladislaw Siwek wird von der Gestapo verschleppt.
Anfang 1940Flucht von Max Appel nach Milwaukee
6. MärzUmzug von Bertha Stiefel nach Worms
14. MärzFlucht von Aron und Hilda Stiefel, geb. Kahn, nach Mosambik
04. MaiJuden dürfen im Sommer ihre Wohnung zwischen 21.00 Uhr und 05.00 Uhr und im Winter zwischen 20.00 Uhr und 06.00 Uhr nicht mehr verlassen.
9. SeptemberChaja Ita Friz erhält vom Bürgermeister die Genehmigung, sich "unter Vorbehalt des jederzeitigen Widerrufes" weiterhin als Schneiderin und Friseuse zu betätigen – beschränkt auf die Bedienung von Juden.
15. OktoberEntlassung von Perenz Friz aus dem KZ Buchenwald

1941

Ende April 1941 begann endgültig die physische Vernichtung der in Mühlheim und Dietesheim verbliebenen Juden.

DatumEreignis
17. MaiFlucht von Herz „Hermann" und Elisabetha Stiefel, geb. Hirsch, über Spanien und Portugal in die USA (letzte Flucht aus Mühlheim)
22. JuniÜberfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion
1. SeptemberAb dem 15.Septemner 1941 hatten alle Juden vom 6. Lebensjahr an in der Öffentlichkeit einen Judenstern zu tragen.
01. NovemberDora Chmielnicki zieht mit ihren Kindern zu Mathilde Stiefel in die Offenbacher Straße 10.
22. NovemberDeportation von Pauline Fleischer, geb. Isaak, aus Frankfurt nach Kaunas
25. NovemberAnkunft in Kaunas und Erschießung von Pauline Fleischer zusammen mit 2.933 anderen Menschen
23. OktoberVerbot der Auswanderung von Juden aus Deutschland
29. DezemberFlucht von Melitta Isaak mit ihren Söhnen nach Buenos Aires

Als ersten Mühlheimer traf es Moritz Lehmann

Lehmann, Moritz * 26. Mai 1884 in Darmstadt — † 08. Mai 1942 KZ Sachsenhausen

Moritz Lehmann war Händler. Er war mit Berta Lehmann verheiratet und wohnte in der Apfelbaumgasse 5. Er wurde 57 Jahre alt.

Moritz Lehmann wurde am 30. April 1941 durch die Gestapo in das Gerichtsgefängnis Offenbach eingeliefert. Am 17. Juni 1941 wurde er von dort in ein KZ überstellt. Er ist am 08. Mai 1942, um 04.00 Uhr, im KZ Sachsenhausen (Häftlings-Nr. 40013) gestorben.

Arnold Isaak, Neffe von Moritz Lehmann, berichtet: „Als ich einmal nach meinem Onkel Moritz Lehmann fragte, dem Mann von Bertel, der Schwester meines Vaters, erfuhr ich, er wäre auf eine Geschäftsreise gegangen. Es ist wahr, dass er auf Reise ging, aber er kam nicht mehr nach Hause. Eines Tages, ungefähr drei Wochen nach seinem Verschwinden, bekam meine Tante Bertel eine Nachricht von den „ordentlichen Leuten" der Gestapo. Sie teilten ihr mit, sie könnte die Asche bekommen, wenn sie 500,00 Mark einzahlen würde, fünfhundert Reichsmark."

1942

DatumEreignis
20. JanuarWannseekonferenz — Die administrative Durchführung der „Endlösung der Judenfrage" wird organisiert.
14. FebruarKuchen werden in Bäckereien nicht mehr an Juden abgegeben.
15. FebruarJuden dürfen keine Haustiere mehr halten.
17. FebruarZeitungen, Zeitschriften und Bücher dürfen nicht mehr gekauft werden.
Bertha Stiefel

Stiefel, Bertha * 1. April 1878 in Mühlheim am Main — † unbekannt

Bertha Stiefel war Hausfrau, ledig und wohnte in der Pfarrgasse 23. Sie kam am 7. März 1940 von Mühlheim ins jüdische Altersheim nach Worms. Am 25. März 1942 wurde sie mit 1.000 Juden von Darmstadt ins „Lager Piaski-Lublin" deportiert. Das Ghetto Piaski diente als Durchgangsstation in die Vernichtungsstätten Bełżec, Majdanek, Treblinka und Sobibór. Wann genau Bertha Stiefel ermordet wurde, ist nicht bekannt. Sie war zum Zeitpunkt der Deportation 63 Jahre alt.

Helmut Stern

Stern, Helmut * 8. Mai 1921 in Frankfurt am Main — † 5. April 1942 KZ Majdanek

Helmut Stern war Zuschneider. Er zog mit seinen Eltern am 12. Juni 1939 nach Frankfurt am Main. Nach den vorliegenden Daten kommt eigentlich nur der Frankfurter Transport am 11. Juni 1942 in die KZs Majdanek/Sobibór in Frage. Er starb am 5. August 1942 im Alter von 21 Jahren.

Der 17. September 1942

In Ausführung der Beschlüsse der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 wurde auch in Mühlheim und Dietesheim eine große Deportationsaktion durchgeführt.

Am Donnerstag, dem 17. September 1942, wurden 18 noch in Mühlheim und Dietesheim lebende Juden von der Gestapo aus ihren Wohnungen geholt. Sie durften nur wenig Gepäck mitnehmen und wurden im Innenhof des Mühlheimer Rathauses zusammengetrieben, um anschließend auf Lastwagen nach Offenbach transportiert zu werden. Leopold Isaak winkte den ihm bekannten Mühlheimern vom Lkw aus noch zu.

Von Offenbach kamen die Verschleppten nach Darmstadt, wo sie in der Justus-Liebig-Schule kaserniert wurden. Von dort erfolgte die Aufteilung auf verschiedene Deportationszüge in die Konzentrationslager.

Moritz Appel

Appel, Moritz * 20. Dezember 1863 in Hochstadt — † 19. Dezember 1942 KZ Theresienstadt

Moritz Appel war Metzger und seit 1889 mit Henriette Appel verheiratet. Er wohnte in der Obermainstraße 13. Er wurde am 27. September 1942 mit 1.288 Juden von Darmstadt nach Theresienstadt deportiert. Moritz Appel überlebte die Ankunft in Theresienstadt nur um 82 Tage. Er starb am 19. Dezember 1942, einen Tag vor seinem 79. Geburtstag.

Am 30. September 1942 wurden die übrigen Mühlheimer und Dietesheimer Juden weggebracht. Zusammen mit 883 weiteren Juden wurden sie von Darmstadt nach Treblinka deportiert. Der Zug traf am 2. Oktober 1942 im Vernichtungslager Treblinka ein.

In diesem Transport befanden sich:

Namegeborengestorben
Appel, Bernhard22. Oktober 1882 in Dietesheim15. September 1943
Appel, Rosa, geb. Rosenthal25. April 188715. September 1943
Appel, Bertha26. Juni 1891 in Dietesheim2. Oktober 1942 KZ Treblinka
Appel, Johanna2. März 1894 in Dietesheim2. Oktober 1942 KZ Treblinka
Chmielnicki, Dwojra (Dora), geb. Pinkus21. August 1901 in Mrzyglod/Polen17. September 1942
Chmielnicki, Arno6. November 1931 in Frankfurt am Main17. September 1942
Chmielnicki, Sonja24. Oktober 1927 in Frankfurt am Main17. September 1942
Friz, Chaja Ita, geb. Ginsberg15. Dezember 1895 in Zawiercie/Polen2. Oktober 1942 KZ Treblinka
Friz, Perenz23. Dezember 1898 in Chencin/Polen2. Oktober 1942 KZ Treblinka
Friz, Leopold9. Mai 1921 in Mühlheim2. Oktober 1942 KZ Treblinka
Isaak, Leopold8. August 1894 in Mühlheim8. Mai 1945
Lehmann, Berta, geb. Isaak11. Oktober 1882 in Mühlheim2. Oktober 1942 KZ Treblinka
Stiefel, Mathilde23. April 1889 in Mühlheim8. Mai 1945
Strauß, Albert20. Juni 1883 in Sprendlingen8. Mai 1945
Strauß, Mathilde, geb. Strauß21. Juli 1886 in Mühlheim8. Mai 1945
Wolf, Joseph4. Mai 1899 in Dietesheim2. Oktober 1942 KZ Treblinka
Wolf, Recha, geb. Reis6. Juli 1900 in Mörfelden2. Oktober 1942 KZ Treblinka

Rosa Appel erlitt bei der Trennung von ihrem Mann Bernhard einen Herzschlag.

Familie Stern

Stern, Samuel (Sally) * 22. Dezember 1891 in Mühlheim — † 8. Mai 1945

Stern, Thekla, geb. Marum * 3. Oktober 1893 in Wallertheim — † 31. Mai 1944

Samuel Stern und Thekla Stern wurden am 15. September 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert. Von dort kamen beide am 16. Mai 1944 nach Auschwitz. Es ist anzunehmen, dass beide aufgrund ihres Alters zu den Opfern der Liquidation des Familienlagers gehören.

Janette Distelburger & Rosa Hirsch

Distelburger, Janette, geb. Isaak * 24. Februar 1881 in Mühlheim — † 3. Februar 1944 KZ Theresienstadt

Hirsch, Rosa, geb. Fried * 23. Juni 1883 in Mühlheim — † 26. Januar 1943

Beide wurden am 15. September 1942 gemeinsam mit 1.369 weiteren Menschen von Frankfurt nach Theresienstadt deportiert. Von den 1.369 Menschen überlebten nur 110. Rosa Hirsch wurde nach 130 Tagen in Theresienstadt am 23. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert, wo die meisten Mitdeportierten sofort in den Gaskammern ermordet wurden.

Fried, Johanna und Laura

Fried, Johanna * 2. Dezember 1880 in Mühlheim — † 31. Dezember 1945 (amtlich)

Fried, Laura * 9. Mai 1879 in Mühlheim — † 31. Dezember 1945 (amtlich)

Johanna und Laura Fried wohnten in der Marktstraße 31, zogen am 16. November 1933 nach Offenbach in die Luisenstraße 6. Für den Transport am 21. August 1942 von Darmstadt nach Parczew vorgesehen, wurden sie bis Ende September in der Justus-Liebig-Schule festgehalten. Gemeinsam mit den übrigen Mühlheimer und Dietesheimer Juden kamen sie am 30. September 1942 von Darmstadt nach Treblinka, wo alle in den Gaskammern ermordet wurden.

Bis Kriegsende: die Vernichtung

Seit 17. September 1942 lebten nur noch vier Juden in sogenannten „privilegierten Mischehen" in Mühlheim — auch sie gerieten 1943 ins Visier der Gestapo. Als einzige blieb schließlich nur die 57-jährige Gredchen „Gretel" Schröder, geb. Stiefel, in Mühlheim zurück.

1943

DatumEreignis
2. JanuarIdel Siwek wird erneut durch die Gestapo verhaftet, in Offenbach vernommen und nach Auschwitz gebracht.
3. MärzAnna Teesch, geb. Friz, wird direkt nach der Ankunft in Auschwitz ermordet.
21. MaiIdel Siwek und Paula Hofmann werden ins KZ Auschwitz eingeliefert.
27. MaiStadt Mühlheim arisiert zwei Grundstücke von Bertha Appel.
21. JuniFredy Teesch stirbt in Auschwitz.
25. JuniStadt Mühlheim arisiert das Haus von Bertha Appel in der Obermainstraße.
14. AugustSofie Spahn wird in den Gaskammern von Auschwitz ermordet.
5. DezemberPaula Hoffmann wird in den Gaskammern von Auschwitz ermordet.
Paula Hofmann

Hofmann, Paula, geb. Schönfeld * 9. Juli 1898 in Dörnigheim — † 19. November 1943 KZ Auschwitz

Paula Hofmann war Hausfrau, mit Gustav Hofmann verheiratet und wohnte in der Mühlheimer Straße 17. Am 19. April 1943 wurde sie als angebliche Jüdin verhaftet. Sie kam am 21. Mai 1943 ins KZ Auschwitz, wo ihr die Nummer 45386 eintätowiert wurde. Knapp sechs Monate nach ihrer Einlieferung wurde sie am 19. November 1943 bei einer Selektion mit weiteren 393 weiblichen Häftlingen in den Gaskammern ermordet.

Anna Teesch & Fredy Teesch

Teesch, Anna Tauba, geb. Friz * 16. August 1922 in Mühlheim — † 3. März 1943 KZ Auschwitz

Teesch, Fredy * 25. Dezember 1920 in Berlin — † 21. Juni 1943 KZ Auschwitz

Anna Teesch, Tochter von Perenz und Chaja Ita Friz, lebte im Arbeitslager Paderborn. Trotz bedrückender Lebensbedingungen verliebten sich Anna und Fredy Teesch und heirateten am 8. April 1942. Am 1. März 1943 wurde das Lager aufgelöst. Am 2. März 1943 kamen beide nach Auschwitz. Es ist anzunehmen, dass Anna Teesch direkt von der Rampe in die Gaskammer gebracht wurde. Fredy Teesch wurde als arbeitsfähig registriert (Häftlings-Nr. 105046) und zum Bau der Chemiefabrik der IG Farben in Monowitz eingesetzt. Er starb am 21. Juni 1943 an „Darmkatarrh bei Körperschwäche".

Idel Siwek berichtete über seinen Leidensweg:

Aus dem Gerichtsgefängnis in Offenbach kam Idel Siwek nach Darmstadt. Dort lagen 15 Männer in einem Zimmer mit vier Betten. Tag für Tag wurden jeweils vier Mann herausgeholt, und es hieß, sie würden freigelassen. […] Von Darmstadt aus wurden sie weiter nach Hof und Nürnberg ins Gefängnis transportiert. Insgesamt durchliefen sie in sechs Wochen sieben Gefängnisse, bevor sie am 21.5.1943 im KZ Auschwitz ankamen. Aus dem Waggon wurden nur Idel Siwek und vier andere Männer als zur Arbeit tauglich ausgewählt. […] Idel Siwek wurde die Gefangenennummer 122581 eintätowiert."*

1944

DatumEreignis
5. FebruarTod von Janette Distelburger in Theresienstadt.
15. FebruarDie Stadt Mühlheim am Main erhält das sofortiger Nutzungs- und Kaufrecht für das Haus Obermainstraße 13, dass bis zum September 1942 Moritz Appel und seiner Familie gehörte.
15. MaiAdolf Distelburger, Sally Stern und seine Frau Thekla Stern werden im Zuge der „Verschönerungsaktion“ des KZ Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und im Familienlager B II b, dem sogenannten „Theresienstädter Familienlager“, untergebracht.
6. JuniLandung der Alliierten in der Normandie
11. JuliAnfang Juli 1944 wurden die im „Theresienstädter Familienlager“ verbliebenen Insassen einer Selektion unterzogen und etwa 3000 bis 3500 arbeitsfähige Männer und Frauen in andere Konzentrationslager überstellt. Die verbliebenen 6.500 bis 7.000 Insassen des Familienlagers wurden in der Nacht zum 11. Juli 1944 und in der darauffolgenden Nacht vergast. Mit diesem Massenmord endete das Bestehen des Familienlagers. Es ist anzunehmen, dass Adolf Distelburger, Sally Stern und Thekla Stern aufgrund ihres Alters mit zu den Ermordeten gehören.
11. SeptemberEin Spähtrupp von US-amerikanischen Soldaten betritt nördlich von Trier erstmals deutsches Reichsgebiet.
10. OktoberDie Rote Armee erreicht die deutsche Grenze in Ostpreußen.

1945

DatumEreignis
18. JanuarWolf Wladislaw Siwek wird auf einen Todesmarsch vom KZ Auschwitz geschickt. Über das KZ Groß-Rosen kommt er ins KZ Dachau.
26. JanuarIdel Siwek wird nach einem Todesmarsch im KZ Buchenwald registriert.
27. JanuarBefreiung des KZ Auschwitz durch die 60. Armee der 1. Ukrainischen Front
der Roten Armee.
28. JanuarWolf Wladislaw Siwek kommt im KZ Dachau an. Anschließend wird er zum Arbeitseinsatz in das Außenlager Mühldorf gebracht.
2. FebruarVerlegung von Idel Siwek vom KZ Buchenwald ins KZ Dora-Mittelbau bei Nordhausen.
3. MärzWolf Wladislaw Siwek erkrankt im Außenlager Mühldorf und wird ins Stammlager des KZ Dachau zurückgebracht.
26. MärzEin Stoßtrupp der SS setzt von Dörnigheim über den Main und erschießt im Rathaus Engelhard Beetz, Wilhelm Glock, Wendelin Kadner und Richard Müller, die sich zusammen mit anderen um die kampflose Übergabe Mühlheims an die Amerikaner kümmerten.
26. MärzEinmarsch amerikanischer Soldaten in Mühlheim.
11. AprilBefreiung des KZ Buchenwald durch die 3. US-Armee.
11. AprilBefreiung von Idel Siwek im KZ Dora-Mittelbau durch Soldaten der 1. US-Armee.
12. AprilAnton Dey wird von den Amerikanern als kommissarischer Bürgermeister eingesetzt.
29. AprilKurz vor Kriegsende wurde Wolf Wladislaw Siwek auf einen Todesmarsch geschickt, der mit mehreren tausend jüdischen Häftlingen in Richtung Alpen/Ötztal aufbrach. Hier wird er durch alliierte Truppen befreit.
29. AprilAmerikanische Truppen befreien das KZ Dachau.
8. MaiEnde des Krieges in Europa.
24. JuniRückkehr von Idel Siwek nach Mühlheim.
18. JuliRückkehr von Wolf Wladislaw Siwek nach Mühlheim.

Die Befreier

Arnold Isaak berichtete von seiner Rückkehr nach Mühlheim im Frühjahr 1945:

Dem Rest unseres Teams wollte ich zeigen, wo ich gelebt hatte. Wir fuhren rüber zu unserem Haus in der Trachstraße 24. Es war leicht zu erkennen, denn das Wort „JUDE“ war noch immer deutlich sichtbar auf den Backsteinen. Und zwar deshalb, weil die Nazis es mit Teer an unser Haus geschrieben hatten. Der Teer konnte nicht mehr vollständig entfernt werden. Wir hielten mit dem Jeep, und ich stieg aus. Aus mehreren Häusern streckten einige Leute ihren Kopf aus dem Fenster. Sie verschwanden schnell und schlossen die Läden; das heißt alle, bis auf die Glauers von nebenan. Sie erkannten mich wieder als einen Isaak und sie erzählten mir, dass mein Vater vor ein paar Jahren abgeholt worden war. Sie waren unsicher, ob es 1942 oder 1943 war. Auf jeden Fall meinten sie, es war im frühen Herbst, weil mein Vater seine Taschen mit all den Birnen füllte, die er von den Bäumen pflücken konnte. Sie hatten keine Vorstellung, wohin er gebracht worden wäre. Sie hatten auch keine Ahnung, was mit den Lehmanns passiert war.

Wir fuhren durch die Kleinstadt und suchten nach überlebenden Juden. NICHTS!!


*Quelle: judenverfolgung_muehlheim09-05-2020.pdf