Verfolgung und Deportation der Mühlheimer Juden
Die Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten ist eines der dunkelsten Kapitel in der deutschen Geschichte. Ziel dieser Dokumentation ist es, das Schicksal und Leiden der 92 jüdischen Menschen aufzuzeigen, die im Jahr 1933 in Mühlheim und Dietesheim lebten. Ihre Namen sind im Text hervorgehoben.
Die Verfolgungen zwischen 1933 und 1945 sind in Form einer Zeittafel dargestellt. Markante Ereignisse, wie der Erlass der Nürnberger Rassengesetze 1935, die verschärften Verfolgungen nach der Pogromnacht 1938, die verschärften Lebensbedingungen während der Kriegsjahre sowie die physische Vernichtung der jüdischen Gemeinde in den Jahren 1941 bis 1943 werden eingehend beschrieben.
Außerdem werden allgemeine Ereignisse erwähnt, die sich im Reich, Land und in Mühlheim ereigneten sowie Beschreibungen von Erlebnissen einzelner Personen ausführlich geschildert.
Am Anfang steht jedoch ein Abriss von Ereignissen in den jüdischen Gemeinden von Mühlheim und Dietesheim bis zur sogenannten „Machtergreifung" der Nationalsozialisten.
Aufstieg der NSDAP
Die NSDAP beschreibt die Entwicklung ihrer Partei im Mühlheim bis 1932 in einer Beilage der „Offenbacher Zeitung" zum 1. April 1939 (Tag der Zusammenlegung mit Dietesheim und der Erhebung zur Stadt) so:
Es ist insbesondere das Verdienst des Parteigenossen (Pg) Jean Ott, Offenbach, des ersten Ortsgruppenleiters, unermüdlich für des Führers Idee in Mühlheim die ersten Gefolgsleute geworben zu haben…
Besonders verdient machte sich um die junge Ortsgruppe Pg. Fritz Kugler, der im Dezember 1930 der Partei beitrat und bis zu seinem allzu frühen Tod den Kassiererposten betreute…
Pg. Hermann Höhn stellte damals sein Restaurant der Partei zur Verfügung, was den automatischen Boykott seitens der roten Anhängerschaft nach sich zog…
März und April 1931 wurden die Stützpunkt Dietesheim und Rumpenheim dem Ortsgruppenverband Mühlheim unterstellt…
Im Juni 1931 zählte die Ortsgruppe 16 Parteigenossen… Im Juli 1931 fand die erste öffentliche Großkundgebung der NSDAP in Mühlheim statt (Saalbau Weber)… Im August wurde eine zweite große Kundgebung veranstaltet, die sich trotz gegnerischen Terrors wieder zu einem eindrucksvollen Erfolg der Partei gestaltete.
Mit dem Jahr 1932 trat ein Mann an die Spitze der jungen Ortsgruppe, der bis auf den heutigen Tag die Führung beibehalten und die Ortsgruppe grundlegend aufgebaut hat, der jetzige Ortsgruppenleiter und Bürgermeister Pg. Anton Winter. Er war von der Partei geschult worden und setzte nun seine ganze jugendliche Energie ein für die ständige und systematische Ausgestaltung der Ortsgruppe, die sich um die SA kristallisierte.
Der Zustrom zu des Führers Fahne war damit schon so groß geworden, daß am 07. Mai 1932 der Stützpunkt Dietesheim zu einer Ortsgruppe ausgeweitet werden konnte, die allerdings organisatorisch mit der Ortsgruppe Mühlheim verbunden blieb.
Zwischen „Machtergreifung" und Krieg
Die Veränderungen im Leben der Mühlheimer und Dietesheimer Juden geschahen anfangs langsam und vereinzelt. Die Auszehrung der jüdischen Gemeinde begann und die ersten Juden verlassen die beiden Orte.
1933
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 30. Januar | Adolf Hitler wird zum Reichskanzler ernannt. |
| Im Januar | Rund 510.000 deutschen Juden gehören den israelitischen Kultusgemeinden an. |
| 12. Februar | Gerson Strauß und seine Frau Rebekka feiern das seltene Fest der Goldenen Hochzeit; in der Synagoge wurden die Gefallenen des Ersten Weltkriegs mit einer Gedenktafel geehrt. |
| 13. März | In Mühlheim wird Bürgermeister Felix Trejtnar „beurlaubt". SA-Leute erklären ihm, er solle verschwinden. |
| 22. März | Errichtung des KZ Dachau |
| 1. April | Boykott jüdischer Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte |
| 7. April | Erlass des „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" |
| 25. April | Arierparagraph wird bei allen Sport- und Turnvereinigungen eingeführt. |
| 19. Mai | „Gleichschaltung" der Turngesellschaft (TGV) „Vorwärts". Vereinsausschluss des langjährigen Mitglieds Herz „Hermann" Stiefel. |
| 3. Juni | Verbot zahlreicher Vereine in Mühlheim, Dietesheim und Lämmerspiel, darunter der Touristenverein „Die Naturfreunde". |
| 12. Juni | Gleichschaltung des Schützenvereins, Vereinsausschluss von Idel Siwek (Mitbegründer des Vereins). |
| 16. Juni | In Dietesheim leben 21 Juden, in Mühlheim 71 Juden und in Lämmerspiel keine. |
| 30. Juni | Gleichschaltung des Gesangvereins „Eintracht", Vereinsausschluss von Albert Strauß. |
| 7. Juli | Gleichschaltung des „Gesang- und Sonntagsverein", Vereinsausschluss von Leopold Isaak (Vorsteher der jüdischen Gemeinde). |
| 25. Juli | Gleichschaltung des Fußballvereins „Kickers-Viktoria", Platzverbot und Vereinsausschluss für Perenz Friz und Idel Siwek sowie Aron Stiefel (Mitbegründer). |
| 13. November | Umzug der Schwestern Johanna und Laura Fried nach Offenbach |
1934
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 18. Februar | „Chronik der israelitischen Religionsgemeinde Mühlheim a/Main" wird von Leopold Isaak erstellt. |
| 24. Februar | Tod von Henriette Appel, geb. Appel, im Alter von 76 Jahren |
| 28. April | Errichtung privater Bezirksschulen für Juden in Hessen |
| 17. September | Flucht von Julius und Meta Wolf, geb. Stark, in die USA |
| 9. Dezember | Umzug von Johanna Berg, geb. Wolf, zu ihrem Mann Ernst nach Kirn an der Nahe |
1935
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 1. April | Untersuchungshaft für Leopold Isaak im Gerichtsgefängnis Offenbach |
| 14. Mai | Tod von Rebekka Strauß, geb. Rollmann, im Alter von 74 Jahren |
| 3. August | Die Dietesheimer Ortsgruppe veranstaltet einen Propagandamarsch, um die Bevölkerung dazu zu bewegen, nicht mehr bei den drei örtlichen jüdischen Metzgern einzukaufen. |
| 15. August | Verurteilung von Leopold Isaak zu 10 Monaten Gefängnis wegen Schächtens; Strafverbüßung in der Strafanstalt Butzbach |
| 15. September | Verkündung der „Nürnberger Gesetze" — Juden werden zu Menschen zweiter Klasse degradiert. Das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" verbietet die Eheschließung zwischen Juden und Nichtjuden. |
| 22. September | Angeblicher Selbstmordversuch von Leopold Isaak |
| 27. September | Tod von Adolf Rollmann im Alter von 65 Jahren |
| 09. Dezember | Vorzeitige Entlassung von Leopold Isaak aus Butzbach |
| 23. Dezember | Umzug von Mathilde Stiefel zu ihrer Schwester Gredchen „Gretel" Schröder, geb. Stiefel, nach Offenbach |
1936
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 12. Januar | Während eines Theaterabends des Winterhilfswerks in Dietesheim verweist ein SA-Oberscharführer vier Frauen der Familie Appel des Saals. |
| 1. April | 11 jüdische Kinder aus Mühlheim besuchen die Jüdische Bezirksschule in Offenbach. |
| 15. April | Ausschluss eines Parteigenossen aus der NSDAP wegen „parteischädigenden Verhaltens, indem er anlässlich der Veranstaltung am 12.Januar in Dietesheim Juden Einlass gewährte". |
1937
Im Jahr 1937 war die Anzahl der Emigranten aus Mühlheim und Dietesheim sowie die Veränderungen in der jüdischen Gemeinde nicht mehr zu ignorieren. Die „Nürnberger Gesetze" zeigten auch vor Ort ihre Wirkung. Die Behandlung von Leopold Isaak machte sehr deutlich, was allen drohen konnte. Mit Beginn des Jahres 1937 setzte die große Fluchtwelle der Juden aus unserer Stadt ein.
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 25. Januar | Flucht von Nathan** und Rosa Appel, geb. Moritz, mit ihren Töchtern Heda, Hannelore und Gerda nach Johannisburg. |
| 15. Februar | Tod von Gerson Strauß im Alter von 81 Jahren. |
| 4. März | Endgültige Schließung der Metzgerei Ludwig Wolf und Überwachung der Metzgerei Bernhard Appel. |
| 1. April | Flucht von Emanuel und Paula Appel, geb. Lind, mit ihrer Tochter Martha Berta in die USA. |
| 3. Mai | Umzug von Arnold Stiefel nach Offenbach. |
| 17. Mai | Flucht von Ernst und Johanna Berg, geb. Wolf, nach Cleveland. |
| 18. Mai | Flucht von Sally und Hilda Blumenthal, geb. Stiefel, mit ihren Kindern Sieghard, Ruth und Manfred über Mailand nach New York. |
| 28. September | Flucht von Irene Strauß nach New York. |
1938
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 1. Januar | Juden im Deutschen Reich wird das Betreiben von Einzelhandelsgeschäften und Handwerksbetrieben untersagt. |
| 7. März | Flucht von Mordechai Chmielnicki über die Schweiz und Mailand nach England. |
| 15. März | Arisierung und Zwangsverkauf eines Grundstücks von Aron Stiefel. |
| 26. April | Verordnung über die Anmeldung jüdischen Vermögens. |
| 1. Juni | Flucht von Arnold Rollmann nach Pittsburgh. Arisierung und Zwangsverkauf eines Grundstücks von Theodor Rollmann. |
| 5. Juli | Flucht von Salomon und Ruth Rollmann, geb. Lindheimer, mit ihrem Sohn Kurt Norbert nach Milwaukee. |
| 23. Juli | Flucht von Alfred und Klara Stein, geb. Rollmann, nach Milwaukee. |
| 17. August | Verordnung: Zusätzliche Vornamen „Sara" oder „Israel" ab 01. Januar 1939 |
| 19. September | Tod von Sara Rollmann, geb. Flörsheim, im Alter von 71 Jahren. |
| 26. September | Flucht von Leo Rollmann in die USA. |
| 5. Oktober | Kennzeichnung der jüdischen Reisepässe durch ein großes rotes "J". |
| 7. Oktober | Flucht der Geschwister Siegfried und Edith Stern nach New York. |
| 24. Oktober | Flucht von Justus und Erna Rollmann, geb. Kraft, nach Pittsburgh sowie deren Mutter Johanna Rollmann, geb. Strauß, nach London. |
| 27. Oktober | Flucht von Arnold Isaak in die USA. |
Arnold Isaak zeigt 2018 in einem Video der USC Shoah Foundation den Kinderausweis mit aufgestempelten "J", mit dem er in die USA reisen konnte.
Reichspogromnacht
So waren bis Anfang November 1938 einundfünfzig Juden aus Mühlheim und Dietesheim aus dem Alltagsleben „verschwunden".
Am Mittwoch, dem 9. November 1938, ereignete sich ein weiterer Wendepunkt in der „Judenpolitik" der Nationalsozialisten: der zynisch und verharmlosend als „Reichskristallnacht" bezeichnete Pogrom.
Auslöser dafür war das Attentat des siebzehnjährigen Herschel Grynszpan in Paris am 7. November. Seine Motivation: Herschel Grynszpans Eltern gehörten zu den Ende Oktober ausgewiesenen polnischen Juden. Joseph Goebbels nutzte die Gunst der Stunde und löste durch eine Rede am 9. November im Alten Rathaussaal in München den reichsweiten Pogrom aus.
In Mühlheim wurde in der Synagoge in der „Spinatgasse" Feuer gelegt. Zeugenaussagen zufolge waren an der Zerstörung der Synagoge vier Nazis beteiligt. Sie schlugen die Tür mit einer Axt ein, steckten die Eichenholzbänke mit benzingetränkten Kleidungsstücken in Brand und rissen Löcher ins Dach. Das Textil- und Herrenkonfektionsgeschäft von Sally Stern und die Wohnungen der Mühlheimer Juden wurden gestürmt und geplündert.
Der Kreisleiter besuchte nach dem Brand die Synagoge und schlug mit einem Hammer die Gedenktafel für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Juden in Stücke.
Leopold Isaak konnte mit einem Kinderwagen die zwei Thora-Rollen aus dem Schrein retten, bevor die Randalierer eintrafen und vergrub sie im Keller seines Hauses.
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 9. November | Reichspogromnacht — Idel Siwek (Buchenwald-Häftlings-Nr. 25834) wird durch den Ortspolizeimeister nach Buchenwald gebracht. |
| 10. November | Verwüstung und Brandstiftung in der Synagoge in Mühlheim; Plünderung des Textilgeschäfts von Sally Stern; Verschleppung von Leopold Isaak, Perenz Friz, Hermann Stern, Ludwig und Joseph Wolf sowie Bernhard, Moritz und Max Appel ins KZ Buchenwald. |
| 21. November | Flucht von Theodor Rollmann in die USA. |
| 23. November | Entlassung von Hermann Stern aus dem KZ Buchenwald. |
| 05. Dezember | Entlassung von Ludwig Wolf aus dem KZ Buchenwald. |
| 15. Dezember | Flucht von Selma Engländer, geb. Stiefel, nach Los Angeles. |
| 16. Dezember | Entlassung von Joseph Wolf aus dem KZ Buchenwald. |
| Ende Dezember | Verkauf des Textilgeschäfts von Sally Stern. |
Die Verbrechen vom November 1938 waren wichtige Schritte auf dem Weg zur Shoa. Die Erfahrung der Nazi-Machthaber, dass Massenproteste seitens der deutschen Bevölkerung ausblieben, ging in die Planung und Durchführung ihrer späteren Taten ein.
1939
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| Anfang 1939 | Flucht von Leopold und Jettchen Appel, geb. Salomon, in die USA. |
| 18. Januar | Flucht von Norbert Stiefel nach Rhodesien. |
| 19. Januar | Verkauf der geschändeten Synagoge durch Leopold Isaak, Moritz Lehmann und Chaim Tyson aus Offenbach an die Eheleute Johann Haus. |
| 28. Januar | Entlassung von Idel Siwek aus dem KZ Buchenwald. |
| 30. Januar | Entlassung von Bernhard und Moritz Appel sowie Perenz Friz aus dem KZ Buchenwald. |
| 13. Februar | Entlassung von Leopold Isaak aus dem KZ Buchenwald. |
| 14. Februar | Flucht von Ludwig Wolf nach Cleveland. |
| 23. Februar | Flucht von Hermann Stern mit seiner Nichte Erna nach Baldock/England sowie von Hermann und Magdalene Lind, geb. Stiefel, mit ihren Kindern nach New York. |
| 1. April | Die Gemeinden Mühlheim und Dietesheim werden zusammengeschlossen und als "Mühlheim am Main" zur Stadt erhoben. Die Feierlichkeiten finden unter Ausschluss der jüdischen Bevölkerung statt. Die jüdischen Männer leisten Zwangsarbeit für die Gemeinde. Idel Siwek wird ein zweites Mal festgenommen. |
| 12. Juni | Umzug von Sally und Thekla Stern, geb. Marum, mit ihrem Sohn Helmut nach Frankfurt am Main. |
| 11. Juli | Tod von Therese Isaak, geb. Adler, im Alter von 86 Jahren. |
| 29. Dezember | Flucht von Melitta Isaak, geb. Strauß, mit ihren vier Söhnen Liebmann, Lothar Ludwig, Herbert und Josef nach Buenos Aires. |
Verschärfte Lebensbedingungen
1940
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 1. Januar | Wolf Wladislaw Siwek wird von der Gestapo verschleppt. |
| Anfang 1940 | Flucht von Max Appel nach Milwaukee |
| 6. März | Umzug von Bertha Stiefel nach Worms |
| 14. März | Flucht von Aron und Hilda Stiefel, geb. Kahn, nach Mosambik |
| 04. Mai | Juden dürfen im Sommer ihre Wohnung zwischen 21.00 Uhr und 05.00 Uhr und im Winter zwischen 20.00 Uhr und 06.00 Uhr nicht mehr verlassen. |
| 9. September | Chaja Ita Friz erhält vom Bürgermeister die Genehmigung, sich "unter Vorbehalt des jederzeitigen Widerrufes" weiterhin als Schneiderin und Friseuse zu betätigen – beschränkt auf die Bedienung von Juden. |
| 15. Oktober | Entlassung von Perenz Friz aus dem KZ Buchenwald |
1941
Ende April 1941 begann endgültig die physische Vernichtung der in Mühlheim und Dietesheim verbliebenen Juden.
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 17. Mai | Flucht von Herz „Hermann" und Elisabetha Stiefel, geb. Hirsch, über Spanien und Portugal in die USA (letzte Flucht aus Mühlheim) |
| 22. Juni | Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion |
| 1. September | Ab dem 15.Septemner 1941 hatten alle Juden vom 6. Lebensjahr an in der Öffentlichkeit einen Judenstern zu tragen. |
| 01. November | Dora Chmielnicki zieht mit ihren Kindern zu Mathilde Stiefel in die Offenbacher Straße 10. |
| 22. November | Deportation von Pauline Fleischer, geb. Isaak, aus Frankfurt nach Kaunas |
| 25. November | Ankunft in Kaunas und Erschießung von Pauline Fleischer zusammen mit 2.933 anderen Menschen |
| 23. Oktober | Verbot der Auswanderung von Juden aus Deutschland |
| 29. Dezember | Flucht von Melitta Isaak mit ihren Söhnen nach Buenos Aires |
Als ersten Mühlheimer traf es Moritz Lehmann
Lehmann, Moritz * 26. Mai 1884 in Darmstadt — † 08. Mai 1942 KZ Sachsenhausen
Moritz Lehmann war Händler. Er war mit Berta Lehmann verheiratet und wohnte in der Apfelbaumgasse 5. Er wurde 57 Jahre alt.
Moritz Lehmann wurde am 30. April 1941 durch die Gestapo in das Gerichtsgefängnis Offenbach eingeliefert. Am 17. Juni 1941 wurde er von dort in ein KZ überstellt. Er ist am 08. Mai 1942, um 04.00 Uhr, im KZ Sachsenhausen (Häftlings-Nr. 40013) gestorben.
Arnold Isaak, Neffe von Moritz Lehmann, berichtet: „Als ich einmal nach meinem Onkel Moritz Lehmann fragte, dem Mann von Bertel, der Schwester meines Vaters, erfuhr ich, er wäre auf eine Geschäftsreise gegangen. Es ist wahr, dass er auf Reise ging, aber er kam nicht mehr nach Hause. Eines Tages, ungefähr drei Wochen nach seinem Verschwinden, bekam meine Tante Bertel eine Nachricht von den „ordentlichen Leuten" der Gestapo. Sie teilten ihr mit, sie könnte die Asche bekommen, wenn sie 500,00 Mark einzahlen würde, fünfhundert Reichsmark."
1942
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 20. Januar | Wannseekonferenz — Die administrative Durchführung der „Endlösung der Judenfrage" wird organisiert. |
| 14. Februar | Kuchen werden in Bäckereien nicht mehr an Juden abgegeben. |
| 15. Februar | Juden dürfen keine Haustiere mehr halten. |
| 17. Februar | Zeitungen, Zeitschriften und Bücher dürfen nicht mehr gekauft werden. |
Stiefel, Bertha * 1. April 1878 in Mühlheim am Main — † unbekannt
Bertha Stiefel war Hausfrau, ledig und wohnte in der Pfarrgasse 23. Sie kam am 7. März 1940 von Mühlheim ins jüdische Altersheim nach Worms. Am 25. März 1942 wurde sie mit 1.000 Juden von Darmstadt ins „Lager Piaski-Lublin" deportiert. Das Ghetto Piaski diente als Durchgangsstation in die Vernichtungsstätten Bełżec, Majdanek, Treblinka und Sobibór. Wann genau Bertha Stiefel ermordet wurde, ist nicht bekannt. Sie war zum Zeitpunkt der Deportation 63 Jahre alt.
Stern, Helmut * 8. Mai 1921 in Frankfurt am Main — † 5. April 1942 KZ Majdanek
Helmut Stern war Zuschneider. Er zog mit seinen Eltern am 12. Juni 1939 nach Frankfurt am Main. Nach den vorliegenden Daten kommt eigentlich nur der Frankfurter Transport am 11. Juni 1942 in die KZs Majdanek/Sobibór in Frage. Er starb am 5. August 1942 im Alter von 21 Jahren.
Der 17. September 1942
In Ausführung der Beschlüsse der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 wurde auch in Mühlheim und Dietesheim eine große Deportationsaktion durchgeführt.
Am Donnerstag, dem 17. September 1942, wurden 18 noch in Mühlheim und Dietesheim lebende Juden von der Gestapo aus ihren Wohnungen geholt. Sie durften nur wenig Gepäck mitnehmen und wurden im Innenhof des Mühlheimer Rathauses zusammengetrieben, um anschließend auf Lastwagen nach Offenbach transportiert zu werden. Leopold Isaak winkte den ihm bekannten Mühlheimern vom Lkw aus noch zu.
Von Offenbach kamen die Verschleppten nach Darmstadt, wo sie in der Justus-Liebig-Schule kaserniert wurden. Von dort erfolgte die Aufteilung auf verschiedene Deportationszüge in die Konzentrationslager.
Appel, Moritz * 20. Dezember 1863 in Hochstadt — † 19. Dezember 1942 KZ Theresienstadt
Moritz Appel war Metzger und seit 1889 mit Henriette Appel verheiratet. Er wohnte in der Obermainstraße 13. Er wurde am 27. September 1942 mit 1.288 Juden von Darmstadt nach Theresienstadt deportiert. Moritz Appel überlebte die Ankunft in Theresienstadt nur um 82 Tage. Er starb am 19. Dezember 1942, einen Tag vor seinem 79. Geburtstag.
Am 30. September 1942 wurden die übrigen Mühlheimer und Dietesheimer Juden weggebracht. Zusammen mit 883 weiteren Juden wurden sie von Darmstadt nach Treblinka deportiert. Der Zug traf am 2. Oktober 1942 im Vernichtungslager Treblinka ein.
In diesem Transport befanden sich:
| Name | geboren | gestorben |
|---|---|---|
| Appel, Bernhard | 22. Oktober 1882 in Dietesheim | 15. September 1943 |
| Appel, Rosa, geb. Rosenthal | 25. April 1887 | 15. September 1943 |
| Appel, Bertha | 26. Juni 1891 in Dietesheim | 2. Oktober 1942 KZ Treblinka |
| Appel, Johanna | 2. März 1894 in Dietesheim | 2. Oktober 1942 KZ Treblinka |
| Chmielnicki, Dwojra (Dora), geb. Pinkus | 21. August 1901 in Mrzyglod/Polen | 17. September 1942 |
| Chmielnicki, Arno | 6. November 1931 in Frankfurt am Main | 17. September 1942 |
| Chmielnicki, Sonja | 24. Oktober 1927 in Frankfurt am Main | 17. September 1942 |
| Friz, Chaja Ita, geb. Ginsberg | 15. Dezember 1895 in Zawiercie/Polen | 2. Oktober 1942 KZ Treblinka |
| Friz, Perenz | 23. Dezember 1898 in Chencin/Polen | 2. Oktober 1942 KZ Treblinka |
| Friz, Leopold | 9. Mai 1921 in Mühlheim | 2. Oktober 1942 KZ Treblinka |
| Isaak, Leopold | 8. August 1894 in Mühlheim | 8. Mai 1945 |
| Lehmann, Berta, geb. Isaak | 11. Oktober 1882 in Mühlheim | 2. Oktober 1942 KZ Treblinka |
| Stiefel, Mathilde | 23. April 1889 in Mühlheim | 8. Mai 1945 |
| Strauß, Albert | 20. Juni 1883 in Sprendlingen | 8. Mai 1945 |
| Strauß, Mathilde, geb. Strauß | 21. Juli 1886 in Mühlheim | 8. Mai 1945 |
| Wolf, Joseph | 4. Mai 1899 in Dietesheim | 2. Oktober 1942 KZ Treblinka |
| Wolf, Recha, geb. Reis | 6. Juli 1900 in Mörfelden | 2. Oktober 1942 KZ Treblinka |
Rosa Appel erlitt bei der Trennung von ihrem Mann Bernhard einen Herzschlag.
Stern, Samuel (Sally) * 22. Dezember 1891 in Mühlheim — † 8. Mai 1945
Stern, Thekla, geb. Marum * 3. Oktober 1893 in Wallertheim — † 31. Mai 1944
Samuel Stern und Thekla Stern wurden am 15. September 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert. Von dort kamen beide am 16. Mai 1944 nach Auschwitz. Es ist anzunehmen, dass beide aufgrund ihres Alters zu den Opfern der Liquidation des Familienlagers gehören.
Distelburger, Janette, geb. Isaak * 24. Februar 1881 in Mühlheim — † 3. Februar 1944 KZ Theresienstadt
Hirsch, Rosa, geb. Fried * 23. Juni 1883 in Mühlheim — † 26. Januar 1943
Beide wurden am 15. September 1942 gemeinsam mit 1.369 weiteren Menschen von Frankfurt nach Theresienstadt deportiert. Von den 1.369 Menschen überlebten nur 110. Rosa Hirsch wurde nach 130 Tagen in Theresienstadt am 23. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert, wo die meisten Mitdeportierten sofort in den Gaskammern ermordet wurden.
Fried, Johanna * 2. Dezember 1880 in Mühlheim — † 31. Dezember 1945 (amtlich)
Fried, Laura * 9. Mai 1879 in Mühlheim — † 31. Dezember 1945 (amtlich)
Johanna und Laura Fried wohnten in der Marktstraße 31, zogen am 16. November 1933 nach Offenbach in die Luisenstraße 6. Für den Transport am 21. August 1942 von Darmstadt nach Parczew vorgesehen, wurden sie bis Ende September in der Justus-Liebig-Schule festgehalten. Gemeinsam mit den übrigen Mühlheimer und Dietesheimer Juden kamen sie am 30. September 1942 von Darmstadt nach Treblinka, wo alle in den Gaskammern ermordet wurden.
Bis Kriegsende: die Vernichtung
Seit 17. September 1942 lebten nur noch vier Juden in sogenannten „privilegierten Mischehen" in Mühlheim — auch sie gerieten 1943 ins Visier der Gestapo. Als einzige blieb schließlich nur die 57-jährige Gredchen „Gretel" Schröder, geb. Stiefel, in Mühlheim zurück.
1943
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 2. Januar | Idel Siwek wird erneut durch die Gestapo verhaftet, in Offenbach vernommen und nach Auschwitz gebracht. |
| 3. März | Anna Teesch, geb. Friz, wird direkt nach der Ankunft in Auschwitz ermordet. |
| 21. Mai | Idel Siwek und Paula Hofmann werden ins KZ Auschwitz eingeliefert. |
| 27. Mai | Stadt Mühlheim arisiert zwei Grundstücke von Bertha Appel. |
| 21. Juni | Fredy Teesch stirbt in Auschwitz. |
| 25. Juni | Stadt Mühlheim arisiert das Haus von Bertha Appel in der Obermainstraße. |
| 14. August | Sofie Spahn wird in den Gaskammern von Auschwitz ermordet. |
| 5. Dezember | Paula Hoffmann wird in den Gaskammern von Auschwitz ermordet. |
Hofmann, Paula, geb. Schönfeld * 9. Juli 1898 in Dörnigheim — † 19. November 1943 KZ Auschwitz
Paula Hofmann war Hausfrau, mit Gustav Hofmann verheiratet und wohnte in der Mühlheimer Straße 17. Am 19. April 1943 wurde sie als angebliche Jüdin verhaftet. Sie kam am 21. Mai 1943 ins KZ Auschwitz, wo ihr die Nummer 45386 eintätowiert wurde. Knapp sechs Monate nach ihrer Einlieferung wurde sie am 19. November 1943 bei einer Selektion mit weiteren 393 weiblichen Häftlingen in den Gaskammern ermordet.
Teesch, Anna Tauba, geb. Friz * 16. August 1922 in Mühlheim — † 3. März 1943 KZ Auschwitz
Teesch, Fredy * 25. Dezember 1920 in Berlin — † 21. Juni 1943 KZ Auschwitz
Anna Teesch, Tochter von Perenz und Chaja Ita Friz, lebte im Arbeitslager Paderborn. Trotz bedrückender Lebensbedingungen verliebten sich Anna und Fredy Teesch und heirateten am 8. April 1942. Am 1. März 1943 wurde das Lager aufgelöst. Am 2. März 1943 kamen beide nach Auschwitz. Es ist anzunehmen, dass Anna Teesch direkt von der Rampe in die Gaskammer gebracht wurde. Fredy Teesch wurde als arbeitsfähig registriert (Häftlings-Nr. 105046) und zum Bau der Chemiefabrik der IG Farben in Monowitz eingesetzt. Er starb am 21. Juni 1943 an „Darmkatarrh bei Körperschwäche".
Idel Siwek berichtete über seinen Leidensweg:
Aus dem Gerichtsgefängnis in Offenbach kam Idel Siwek nach Darmstadt. Dort lagen 15 Männer in einem Zimmer mit vier Betten. Tag für Tag wurden jeweils vier Mann herausgeholt, und es hieß, sie würden freigelassen. […] Von Darmstadt aus wurden sie weiter nach Hof und Nürnberg ins Gefängnis transportiert. Insgesamt durchliefen sie in sechs Wochen sieben Gefängnisse, bevor sie am 21.5.1943 im KZ Auschwitz ankamen. Aus dem Waggon wurden nur Idel Siwek und vier andere Männer als zur Arbeit tauglich ausgewählt. […] Idel Siwek wurde die Gefangenennummer 122581 eintätowiert."*
1944
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 5. Februar | Tod von Janette Distelburger in Theresienstadt. |
| 15. Februar | Die Stadt Mühlheim am Main erhält das sofortiger Nutzungs- und Kaufrecht für das Haus Obermainstraße 13, dass bis zum September 1942 Moritz Appel und seiner Familie gehörte. |
| 15. Mai | Adolf Distelburger, Sally Stern und seine Frau Thekla Stern werden im Zuge der „Verschönerungsaktion“ des KZ Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und im Familienlager B II b, dem sogenannten „Theresienstädter Familienlager“, untergebracht. |
| 6. Juni | Landung der Alliierten in der Normandie |
| 11. Juli | Anfang Juli 1944 wurden die im „Theresienstädter Familienlager“ verbliebenen Insassen einer Selektion unterzogen und etwa 3000 bis 3500 arbeitsfähige Männer und Frauen in andere Konzentrationslager überstellt. Die verbliebenen 6.500 bis 7.000 Insassen des Familienlagers wurden in der Nacht zum 11. Juli 1944 und in der darauffolgenden Nacht vergast. Mit diesem Massenmord endete das Bestehen des Familienlagers. Es ist anzunehmen, dass Adolf Distelburger, Sally Stern und Thekla Stern aufgrund ihres Alters mit zu den Ermordeten gehören. |
| 11. September | Ein Spähtrupp von US-amerikanischen Soldaten betritt nördlich von Trier erstmals deutsches Reichsgebiet. |
| 10. Oktober | Die Rote Armee erreicht die deutsche Grenze in Ostpreußen. |
1945
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 18. Januar | Wolf Wladislaw Siwek wird auf einen Todesmarsch vom KZ Auschwitz geschickt. Über das KZ Groß-Rosen kommt er ins KZ Dachau. |
| 26. Januar | Idel Siwek wird nach einem Todesmarsch im KZ Buchenwald registriert. |
| 27. Januar | Befreiung des KZ Auschwitz durch die 60. Armee der 1. Ukrainischen Front |
| der Roten Armee. | |
| 28. Januar | Wolf Wladislaw Siwek kommt im KZ Dachau an. Anschließend wird er zum Arbeitseinsatz in das Außenlager Mühldorf gebracht. |
| 2. Februar | Verlegung von Idel Siwek vom KZ Buchenwald ins KZ Dora-Mittelbau bei Nordhausen. |
| 3. März | Wolf Wladislaw Siwek erkrankt im Außenlager Mühldorf und wird ins Stammlager des KZ Dachau zurückgebracht. |
| 26. März | Ein Stoßtrupp der SS setzt von Dörnigheim über den Main und erschießt im Rathaus Engelhard Beetz, Wilhelm Glock, Wendelin Kadner und Richard Müller, die sich zusammen mit anderen um die kampflose Übergabe Mühlheims an die Amerikaner kümmerten. |
| 26. März | Einmarsch amerikanischer Soldaten in Mühlheim. |
| 11. April | Befreiung des KZ Buchenwald durch die 3. US-Armee. |
| 11. April | Befreiung von Idel Siwek im KZ Dora-Mittelbau durch Soldaten der 1. US-Armee. |
| 12. April | Anton Dey wird von den Amerikanern als kommissarischer Bürgermeister eingesetzt. |
| 29. April | Kurz vor Kriegsende wurde Wolf Wladislaw Siwek auf einen Todesmarsch geschickt, der mit mehreren tausend jüdischen Häftlingen in Richtung Alpen/Ötztal aufbrach. Hier wird er durch alliierte Truppen befreit. |
| 29. April | Amerikanische Truppen befreien das KZ Dachau. |
| 8. Mai | Ende des Krieges in Europa. |
| 24. Juni | Rückkehr von Idel Siwek nach Mühlheim. |
| 18. Juli | Rückkehr von Wolf Wladislaw Siwek nach Mühlheim. |
Die Befreier
Arnold Isaak berichtete von seiner Rückkehr nach Mühlheim im Frühjahr 1945:

Dem Rest unseres Teams wollte ich zeigen, wo ich gelebt hatte. Wir fuhren rüber zu unserem Haus in der Trachstraße 24. Es war leicht zu erkennen, denn das Wort „JUDE“ war noch immer deutlich sichtbar auf den Backsteinen. Und zwar deshalb, weil die Nazis es mit Teer an unser Haus geschrieben hatten. Der Teer konnte nicht mehr vollständig entfernt werden. Wir hielten mit dem Jeep, und ich stieg aus. Aus mehreren Häusern streckten einige Leute ihren Kopf aus dem Fenster. Sie verschwanden schnell und schlossen die Läden; das heißt alle, bis auf die Glauers von nebenan. Sie erkannten mich wieder als einen Isaak und sie erzählten mir, dass mein Vater vor ein paar Jahren abgeholt worden war. Sie waren unsicher, ob es 1942 oder 1943 war. Auf jeden Fall meinten sie, es war im frühen Herbst, weil mein Vater seine Taschen mit all den Birnen füllte, die er von den Bäumen pflücken konnte. Sie hatten keine Vorstellung, wohin er gebracht worden wäre. Sie hatten auch keine Ahnung, was mit den Lehmanns passiert war.
Wir fuhren durch die Kleinstadt und suchten nach überlebenden Juden. NICHTS!!